Eine Menge Wäsche zu waschen – „Pinkwashing“ und andere queere Positionen zu Israel

Nach dem auf dem transgenialen_CSD in Berlin zwei queere israelische Aktivist_innen einen Workshop zum Thema „Pinkwashing Israel“ angeboten haben und auch die ARD über die Debatte in Israel berichtete, ist die Diskussion über das sogenannte „Pinkwashing“ auch in Deutschland angekommen. „Pinkwashing“ bezeichnet einen zumeist an die israelische Regierung gerichteten Vorwurf, sie würde eine homofreundliche Imagekampagne durchführen um Menschenrechtsverletzungen gegen Palästinenser_innen zu verschleiern.

CSD Tel Aviv

Eine Vorgeschichte – Judith Butler und die Sache mit Israel

Das Thema „Pinkwashing“ ist momentan en vogue. Im Frühjahr 2013 findet eine Konferenz zum Thema „Homonationalism und Pinkwashing“ in New York statt. In der Konferenzbeschreibung wird Israel des „Pinkwashing“ bezichtigt: „The campaign [der israelischen Regierung] not only manipulates the hard-won gains of Israel’s gay rights movement, but it also ignores the existence of Palestinian gay-rights organizations.“ Eine der Hauptredner_innen wird die US-amerikanische und jüdische queer-feministische Aktivistin und Theoretikerin Judith Butler sein. Sie ist dafür bekannt Boykottaufrufe gegen Israel zu unterstützen, in denen unteranderem gefordert wird:

„6. Refrain from participation in any form of academic and cultural cooperation, collaboration or joint projects with Israeli institutions;
7. Advocate a comprehensive boycott of Israeli institutions at the national and international levels, including suspension of all forms of funding and subsidies to these institutions;
8. Promote divestment and disinvestment from Israel by academic institutions, and place pressure on your own institution to suspend all ties with Israeli universities, including collaborative projects, study abroad, funding and exchanges.“
Also kurz übersetzt ein Aufruf zu einer Verweigerung von jeglichem kulturellem und akademischem Austausch mit israelischen Institutionen. Bekannt sind auch Butlers Aussagen zu Hamas und Hizbollah . Im Jahr 2006 sagte sie auf einer Tagung (hier auf Youtube zu sehen. Butlers Statement findet sich ca. bei Minute 16:18):
„Similarly, I think: Yes, understanding Hamas, Hezbollah as social movements that are progressive, that are on the Left, that are part of a global Left, is extremely important. That does not stop us from being critical of certain dimensions of both movements. It doesn’t stop those of us who are interested in non-violent politics from raising the question of whether there are other options besides violence.“
[Grobe Übersetzung: „Genauso denke ich: Ja, Hamas und Hezbollah als progressive soziale Bewegungen zu sehen, die links sind, die Teil der globalen Linken sind, ist sehr wichtig. Das hält uns nicht davon ab kritisch gegenüber bestimmten Dimensionen beider Bewegungen zu sein, als diejenigen die an einer nicht-gewalttätigen Politik interessiert sind, die Frage zu stellen, ob es nicht auch andere Optionen gibt, jenseits von Gewalt.“]

In einem Interview mit der Jungle World, im Jahr 2010, äußert sich Butler zu den Vorwürfen, die ihr in Folge dieser Aussage gemacht wurden und behauptet die „schrecklich missverstandene“ Aussagen wären gezielt genutzt worden um sie „in Zeitungen und auf Websites zu diskreditieren“. Die Kritik gegen sie sei „niederträchtig“. Sie erklärt:

„Als Antwort auf eine Frage aus dem Auditorium habe ich gesagt, dass – deskriptiv gesehen – diese Bewegungen in der Linken zu verorten sind, doch wie bei jeder Bewegung muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er sie unterstützt oder nicht. Ich habe keine der genannten Bewegungen jemals unterstützt, und mein eigenes Engagement gegen Gewalt macht es unmöglich, das zu tun.“

Sie wirft dabei die Frage auf, ob die beiden Organisationen antisemitisch sind,
„Wenn Hamas und Hizbollah antisemitische Positionen vertreten, dann sind sie unbedingt abzulehnen. Doch man muss genau analysieren, ob in der Kritik Israels Antisemitismus im Spiel ist oder nicht.“
Ihr Fokus liegt dabei auf der Frage ob die gewalttätige Politik von Hamas und Hizbollah zu unterstützen sei oder nicht. Sie selbst sieht sich dabei auf der Seite der Pazifist_innen.
„Im Bezug auf Hamas und Hizbollah bedeutet das, zu diskutieren, ob ein gewalttätiger Widerstand akzeptabel ist, und ich selbst habe mich entschieden, gewaltlosen Widerstand zu unterstützen.“
[Achtung: im Folgenden wird gewaltvolle und antisemitische Sprache zitiert]

Diese vorsichtige Distanzierung von ihren Äußerungen kann nur verwundern, so genügt doch ein Blick in die Charta der Hamas [hier in einer möglichen Übersetzung. Achtung antisemitische und gewalttätige Sprache] um sich davon zu überzeugen, dass es sich um eine Organisation handelt, deren Ziel es ist Juden und Jüdinnen umzubringen:

„Der Prophet – Gott segne ihn und schenke ihm Heil-, sprach: „Die Stunde wird kommen, da die Muslime gegen die Juden solange kämpfen und sie töten, bis sich die Juden hinter Steinen und Bäumen verstecken.“
[Ende Disclaimer für gewaltvolle und antisemitische Sprache]

Die Kritik an der Hamas auf eine Ablehung von Gewalt zu reduzieren und es jedem selbst zu überlassen, ob er/sie diese Organisation unterstützt, verharmlost den antisemitischen Charakter der Hamas. Dass diese Organisation Selbstmordattentate und die gezielte Ermordung von israelischen Jüdinnen und Juden als gerechtfertigte Politik vertritt und sich dem religiösen Wahn des Islamismus verschrieben hat, bleibt von Butler unerwähnt. Ohne dies direkt auszusprechen tut sie damit so, als sei die Hamas eine Organisation, die gerechtfertigten Widerstand gegen Israel leiste, aber dabei etwas über das Ziel hinausschieße.

Angesichts solcher Statements von Judith Butler ist es nicht verwunderlich, dass sich eine Diskussion über die anstehende Verleihung des Adorno-Preises an sie entwickelt hat, in der auch heftige Kritik geäußert wird.

Judith Butler ist eine wichtige Figur für die deutsche queer-feministische Szene. Das zeigte sich nicht zu letzt in ihrem Statement auf dem Berliner Christopher Street Day 2010, wo sie einen Preis für Zivilcourage ablehnte:

So wichtig ihr Hinweis auf eine notwendige Auseinandersetzung mit Rassismus und „Homonationalismus“ – ein Begriff der von der Queer-Theoretikerin Jasbir Puarin geprägt wurde – der queeren Szene ist, zeigt sich an vielen Stellen auch, dass ihr Politikverständnis einen Haufen Probleme aufweist und sie nicht zu einer „queer-feministischen Ikone“ taugt. Aber auf diese Position hatte sie selbst auch nie Lust. Ikone hin oder her, ist eine kritische Analyse von Butlers Thesen angebracht, die ihre Positionierungen zu Israel und antisemitischen Organisationen nicht ausblendet.

„Pinkwashing“

Die Überlegungen Butlers zu Israel und ihr Engagement für antiisraelische Kampagnen, machen sie zu einer wichtigen Bezugsgröße für die Anhänger_innen der „Pinkwashing“-Behauptung. In der Folge des Workshops auf dem t_CSD geht die Auseinandersetzung um Israel innerhalb der queeren Szene und darüber hinaus, in eine neue Runde. In der TAZ diskutiert Jan Feddersen „Pinkwashing“ als „eine Variante von Verschwörungstheorie“ gegen Israel. Markus Ströhlein betrachtet in der Jungle World die Positionen des Workshops „Pinkwashing Israel als „neueste[n] Kniff aus der antiisraelischen Propagandakiste“. Während die Workshopmacher_innen Yossi und Liad der Jungle World in einer Erwiderung unterstellen „die Kritik an Pinkwashing mit plumpen Lügen, bewussten Auslassungen und Manipulation von Fakten zum Verstummen“ bringen zu wollen. Die Kritik an Ströhlein, dass er es unterlasse deutlich zu machen, dass der Workshop von israelischen Queers gemacht wurde und die Debatte als kruden Kreuzberger Dorftratsch abtut, ist verständlich und triftig. Die pauschale Unterstellung von „plumper Lüge“ an die Jungle World lässt jedoch den Verdacht zu, dass es den Autor_innen selbst darum geht einer Kritik die Berechtigung abzusprechen.

Ein paar Einwände gegen die Behauptung des „Pinkwashing“

Einwände gegen die Behauptung der von den israelischen Queers vorgebrachten These des „Pinkwashing“ lassen sich durchaus formulieren. Sie bestimmen Pinkwashing als

„ein[en] Teil der offiziellen internationalen PR-Kampagne der israelischen Regierung “Brand Israel”, die Israel ein Bild als liberale und westliche Demokratie verpassen soll, um damit die Weltöffentlichkeit von der Realität der Besatzung, Krieg und rassistischer Diskriminierung abzulenken.“

„Damit wird eine angebliche Rückständigkeit der arabischen Welt propagiert und an ein islamophobes und kolonialistisches Gedankengut des Westen angeknüpft, das ebenso als Legitimierungsargument für die aggressiven Besatzungs- und Kriegspolitik von der israelischen Regierung genutzt wird.“

Die Argumentation könnte also folgendermaßen verstanden werden:

1. Israel ist eigentlich keine liberale, westliche Demokratie, dieses Bild wird nur nach außen hin erzeugt.
2. Zum Beispiel, indem die israelische Regierung eine Image-Kampagne unterstützt, in der sie sich mit den Rechten, die Homosexuelle in Israel genießen, brüstet.
3. Damit schlägt die israelische Regierung zwei Fliegen mit einer Klappe, da sie „die arabische Welt“ dabei mies aussehen lässt.

Gegen eine solche Argumentationskette lassen sich Einwände formulieren.

Zu 1. Israel ist eine westliche, liberale Demokratie, mit freien Wahlen, Gewaltenteilung, freier Meinungsäußerung, etc. Dass der real existierende demokratische Kapitalismus keineswegs bedeutet das Homosexuellenfeindlichkeit, Rassismus, Armut und andere Zumutungen abgeschafft werden, zeigt sich in Israel ebenso wie in Deutschland oder anderswo. Trotz dieser Gewaltverhältnisse in diesen Staaten bietet diese eine bessere Grundlage und mehr Spielräume um sich für ein lebenswertes Leben einzusetzen, als das zum Beispiel in klerikalfaschistischen Staaten wie dem Iran der Fall ist. Das heißt nicht, dass keine Kritik nötig ist, aber Israel den Status als liberale Demokratie, abzusprechen bedeutet u.a. die Spielräume, welche diese Gesellschaftsform für die Emanzipation von Queers, Frauen, PoCs und anderen bietet, gleich mit zu entsorgen.

Zu 2. Dies vernachlässigt, dass Israel tatsächlich der Staat im Mittleren Osten ist, in dem Queers am meisten Rechte und Freiheiten haben. Diese Rechte wurden von Queers erkämpft und sicher zuletzt von der konservativen Regierung Israels, daher erscheint es wirklich fragwürdig, wenn die israelische Regierung nun die Regenbogenfahne in die Hand nimmt. Die relativ großen Freiheiten und Rechte sind dennoch eine Realität und der CSD jedes Jahr in Tel Aviv eine riesen Party, während in Gaza oder Ramallah keine Gay Pride stattfindet, da Homosexualität dort strafbar ist. Viele Queers fliehen daher auch aus dem palästinensischen Autonomiegebiet nach Israel. Diese Verhältnisse alleine als geschickte Propagandastrategie Israels zu betrachten erscheint ziemlich weit hergeholt.

Zu 3. Zahlreiche Länder im Nahen Osten haben es nicht nötig, sich durch eine Imagekampagne Israels schlecht machen zu lassen. Wenn der iranische Staat Homosexuelle verfolgt und mit der Todesstrafe bedroht, hat er sich sein Image als homosexuellenfeindlicher Staat ganz alleine verdient. Staaten wie den Iran, Saudi-Arabien oder Syrien alleine als Opfer von „islamophobe[n] und kolonialistische[n] Gedankengut des Westen“ zu betrachten erscheint eine sehr simple Einteilung der Welt in Gut (postkoloniale Staaten) und Böse (Israel).

Zu hoffen ist, dass die Debatte in Zukunft jenseits von Gut und Böse verläuft. Einen schönen Aufschlag macht der BAK Shalom, eine Plattform der linksjugend [‘Solid], die sich gegen Antisemitismus engagiert. Sie argumentieren, dass eine kulturalistische linke Kritik, welche die Welt vereinfachend in den vermeintlich `bösen, imperialistischen und kolonialistischen Westen´ und den `guten, vom Westen unterdrückten Islam´ einteilt, kaum weiter führt. Ebensowenig dürfe jedoch vergessen werden, dass es – zum Beispiel in Deutschland – eine „von antimuslimischen Ressentiments geprägte Debatte, die alle Muslime als schwulenfeindlich diskreditiert“ gibt. Ein gutes Beispiel dafür ist der 2006 in Baden-Württemberg eingeführte „Gesinnungstest“ in dem lediglich Muslime, welche die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen, Fragen beantworten sollen wie:

„Stellen Sie sich vor, Ihr volljähriger Sohn kommt zu Ihnen und erklärt, er sei homosexuell und möchte gerne mit einem anderen Mann zusammenleben. Wie reagieren Sie?“
Und das in einem Land, in der 29,9 % der Bevölkerung einer Religion anhängen, deren Chef Homosexualität als „Sünde“ betrachtet und für „böse“ befindet, der römisch-katholischen Kirche. Nach dieser Logik steht die Staatsbürger_innenschaft eines großen Teils der deutschen Bevölkerung auf sehr wackeligem Boden.


8 Antworten auf “Eine Menge Wäsche zu waschen – „Pinkwashing“ und andere queere Positionen zu Israel”


  1. 1 Clara 16. Juli 2012 um 12:09 Uhr

    Um die Infos zu Homosexualität und den an Israel angrenzenden Staaten mal zu differenzieren:

    In Israel ist Homosexualität legal. Im Ausland geschlossene homosexuelle Partnerschaften werden anerkannt, Steuererleichterungen gewährt und Adoption ist möglich. Stress gibt es immer wieder mit orthodoxen Jüdinnen und Juden wie die Auseinandersetzungen um die Jerusalemer Gaypride zeigen, die auch schon mal von einem, mit einem Messer bewaffneten, jüdischen Fundamentalist angegriffen wurde.

    In den palästinensischen Gebieten ist Homosexualität illegal. Es fliehen viele Queers nach Israel, hier exemplarische ein aktuellerer Bericht von Spiegel-Online. Eine queere palästinensische Organisation ist Alqaws. Sie vertritt den „Pinkwashing-Vorwurf“ gegen Israel.

    Im Libanon ist Homosexualität illegal . Eine Organisation die sich für Gay-Rights einsetzt ist Helem.

    Jordanien hat Homosexualität schon 1951 legalisiert. Allerdings gibt es aufgrund der großen gesellschaftlichen Repression und Tabuisierung keine offen auftretende große Queer-Community.

    Ägypten hat keine explizit gegen Homos gerichteten Gesetze. Dennoch wird Homosexualität von staatlichen Behörden verfolgt. Human Rights Watch berichtete 2004 von zahlreichen Fällen von Verhaftungen und Folter. Aktuellere Infos währen super. Hat eine_r welche? Obwohl die zunehmende Durchsetzung der Muslimbruderschaft in Ägypten nichts Gutes für die Zukunft vermuten lässt.

    Allgemeine Infos auf Englisch über die Region bietet die Page Gaymiddleeast, die auch nach einzelnen Ländern aufschlüsselt, aber wohl gerade überarbeitet wird und nicht mehr ganz aktuell ist.

  2. 2 daniel 17. Juli 2012 um 20:14 Uhr

    Ihr solltet mal langsam zur Kenntnis nehmen, dass es bei der Kritik am Pinkwashing nicht um die Situation in Israel geht oder das behauptet wird in Gaza-City ist es genauso cool wie in Tel Aviv. Es geht hierbei um die Instrumentalisierung von LTGB-Rechten um damit Unterdrückung und Kriege zu rechtfertigen.
    Was ist daran so schwer zu verstehen?
    ja es gibt weitreichende LTGB-Rechte in Israel, würdet Ihr deswegen aber sagen, dass die Besstzung der Westbank damit gerechtfertigt ist?
    Genauso kritisiert man doch auch Wowereit oder den CDU-Wagen auf dem CSD, da kommt Ihr auch nicht daher und erzählt mir: „Aber stimmt doch, in BErlin gibt es in der Tat weitreichende LTBG-Rechte. was sprichst du denn Deutschland die Liberalität ab“
    Nein, verdammt nochmal! Wenn homophobe Arschlöcher (Isreal Beitanu; Regierungspartei) und Kriegstreiber mit LTBG-Rechten ihre Propganda treiben und vor allem über die Köpfe der Community irgendwelche Kampagnen starten, dann ist diese Pinkwashing nicht nur zu kritisieren, sondern auch abzulehnen.

  3. 3 Clara 19. Juli 2012 um 21:31 Uhr

    @Daniel:

    Also ich antworte hier mal als Einzelperson, auch wenn ich mit für den von Dir kritisierten Text verantwortlich bin.

    Erstmal: Luft holen („verdammt nochmal!“) offensichtlich bist du wütend und findest der Text geht in die falsche Richtung, aber eine sachliche Diskussion fände ich doch schöner.

    Einerseits gebe ich dir recht. Es geht nicht um eine Diskussion, wie die konkreten Verhältnisse in Israel oder den autonomen Gebieten ausschauen, sondern um einen Vorwurf an die israelische Regierung LGBT-Rechte für Propaganda zu nutzen, da geh ich mit.

    Aber ich habe nochmal überlegt, warum ich, wenn ich den Pinkwashing-Text der Genos_innen lese, das Bedürfnis bekomme über die konkreten Verhältnisse zu sprechen und gar nicht richtig an den Punkt komme über Pinkwashing zu diskutieren. Mir ist die Weltsicht, die den Pinkwashing-Vorwürfen zugrunde liegt zu einfach. Hier nochmal ein anderes Beispiel aus dem Text

    Als ergänzendes Element dazu,werden durch diese Kampagne die umgebenden arabischen Länder als homophob abgestempelt
    . Sorry, aber das kann doch nicht deren Ernst sein, wo brauch es da denn eine Pinkwashing-Kampagne um diese Länder „abzustempeln“. Und auf der Basis „böses Israel“, „gutes Ägypten“ oder whatever, habe ich keine Lust zu diskutieren. Dass die israelische Genos_innen gegen ihre rechten Politer pöbeln finde ich gut, können sie gerne machen, aber wenn dem ganzen eine vereinfachende Analyse zugrunde liegt, die extrem Homophobe Staaten und Organisationen zu Opfern erklärt geht, habe ich doch ein paar Nachfragen.

    Genaus absurd finde ich den Part des Textes in dem es um „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen (BDS)“ geht – aus der Kampagne wird ja auch in unserem Text zitiert. Ehrlich gesagt ist es mir völlig egal was Noam Chomsky zu dieser Kampagne sagt, es handelt sich dabei um eine antiisraelisches Programm, bei dem Günni Grass feuchte Augen vor freude bekommen würde. Mit einer solchen antiisraelischen Brille ist eine differenzierte Diskussion über israelische Regierungspolitik kaum möglich.

    Außerdem ist mir immer noch nicht klar, wo jetzt der Nachweis erbracht ist, dass die israelische ihre Besatzungspolitik pink wäscht. Werden militärische Einsätze der israelischen Armee damit begründet schwule Palästinenser zu befreien? Ne Quelle fänd ich da mal spannend, dann würde ich den Vorwurf besser verstehen. So würde ich es eher als Homonationalismus verstehen, in dem rechte Politiker_innen, sich die von anderen erkämpften Rechte ans Revers stecken. Nicht schön und sicher zu kritiseren, aber das ist doch kein böser Plan der Verschleierung der Besatzungspolitik dahinter. Wenn der CSUler Seehofer jetzt behaupten würde, dass Deutschland super ist, weil es LGBT-Rechte gibt, käme ich auch nicht auf die Idee, das damit verschleiert werden soll, dass Deutschland Asylbewerber_innen schon Jahrzehnte menschenunwürdig behandelt, außer er würde die Verknüpfung machen. Irgendwie habe ich da ein Missing-Link und es fehlt mir erneut ein genauer Blick: Das israelische Tourismusministerium will mehr queere Turis (klappt ganz gut: ich fahr vielleicht nächstes Jahr hin) und hat kapitalistische Interessen. Das Militär will sich als super-demokratische Institution darstellen und vermutlich gerne ein paar Schwule und Lesben rekrutieren (da würde Pinkwashing vielleicht am ehesten greifen) und die rechten Politiker argumentieren mit allem was ihnen so in die Hände kommt. Ich sehe da bislang nicht den großen Pinkwashing-Plan.

  4. 4 Tatjana 21. Juli 2012 um 14:24 Uhr

    Vielleicht würde es etwas helfen, die zahlreichen Quellen, die die israelischen AktivistInnen präsentiert haben, zu überprüfen. Vielleicht solltest Du dann auch mitbekommen haben, dass die „Demokratie“ von der Du sprichst, für die okkupierten PalästinenserInnen keine ist. Und dass die Queers dort sich wirklich instrumentalisiert vorkommen und nicht nur bisschen „rumpöbeln“.

    Stell Dir vor Du machst eine „super-coole Queer-Party“ in Tel Aviv und findest dabei raus, dass genau dort, wo Du Dich befindest, mal ein Dorf war, indem alle Beteiligten vertrieben wurden und wo jeder Verweis, dass sich ein Dorf dort befand, mit gar rechtlicher Gewalt bestraft werden kann? (Immerhin ist es ja jetzt gesetzlich verboten, von der Nakba zu sprechen, was eine Demokratie!). Ist es da nicht zynisch, von Israel als demokratischem Queer-Paradies zu sprechen? Vielleicht findet sich in diesem lokal-historischen Problem ein Missing Link, den Du nicht mitbekommen hast?
    Die Leute, die Israel nicht wegen kommerziellen Gay-Parties, sondern wegen der politischen Queer-Szene besuchen, kommen an dem Punkt scheinbar nicht vorbei. Logisch: Die israelischen Queers UND die palästinensischen Queers dort werden wohl darauf hinweisen, dass das Feiern von Sex und Gender alleine dort nicht besonders radikal ist und deswegen behandeln ihre Performances, Aktionen und Aktivitäten auch viele Themen, die mit anderen, hier, arabischen Minorities und der Regierung zu tun haben.

    Und das nicht zuletzt, weil es in die Queer-Szene eine große Sensibilität für diese Fragen gibt. Mein Gott, wie oft haben schon Queers aus Israel abgekotzt, wenn Leute dorthin fahren, um am Strand rumzuliegen und ihre deutschen Befindlichkeiten auf das Land zu projizieren, eine Mischung aus Exotismus, Holocaust-Katharsis und schwulen Party-Tourismus, anstatt sich damit auseinanderzusetzen, dass die Besatzung nicht nur für AraberInnen, sondern auch viele Israelis nicht mehr zu akzeptieren ist. Der Pinkwashing-Begriff wird dabei auch mittlerweile von der Opposition im Knesset (ich glaube es war die Meretz-Partei) benutzt – dies scheint mir kaum ein Kontext zu sein, der misrepräsentativ von der Wirklichkeit ist oder irgendetwas mit Günter Grass zu tun hat. Hier noch eine Anmerkung: Vielleicht ist vielen kritischen Israelis scheissegal, was Günter Grass sagt, nicht aber, was die durchaus sehr rechte Regierung tut.

    Diese Perspektive scheint der Diskussion hier total abzugehen. Viele hängen sich an der Hamas auf, einer Organisation, die es ohne die Okkupation wohl kaum gäbe. Die Hamas ist sicher ablehnbar, aber ohne Jahrzehnte gescheiterten Friedens-Prozess und als Angriff PLO/Fatah und Israels militärischer Übermacht wohl kaum zu einzuordnen. Wieso Butler sie als links einordnet, ist vielleicht absurd – wie wenig Leute hier hingegen wissen, auf was für eine jüdische Tradition sie sich pazifistisch bezieht, auch wenn sie schon viele Texte und Vorträge dazu publiziert hat, interessiert keinen. Butlers Referenzen sind zwei verschiedene: Einerseits die eines jüdischen diasporischen Pazifismus, der NIE mit Israels Politik aufging sondern eher eine Gegenposition dazu einnimmmt und durchaus zurecht anmerkt, dass der Staat eine sehr monolithische Idee davon praktiziert, wer ein guter Jude ist und wer nicht. Noch absurder ist allerdings die Dramatisierung vom Boykott, der für einige kritische Juden wohl eher in ihrer pazifistischen Tradition steht, als der Kriegskurs der derzeitigen Regierung. Das heisst nicht, dass ich gleich BDS-Fan oder -Praktiziererin werden muss – bin ich jedenfalls nie geworden.

    Ist die Sache wirklich so kompliziert? Israel hat international einen schlechten Ruf wegen der Endlosigkeit der Okkupation. Queer Rights sind Image-fördernd und werden auch konkret in bellizistische Propaganda einbezogen und schwule Palis gar dazu aufgefordert, für den Geheimdienst zu arbeiten (siehe den Text der israelischen GenossInnen). Dann kommen die aktivistischen Queers an und sagen, das ist scheisse: Not in Our Name.
    Nochmal: Was ist daran so kompliziert?
    Ok: Ich find total nachvollziehbar wenn jemand in Deutschland anmerkt, wieso auf Israel fixieren? Aber dann würde ich eher von anderen homonationalen Problemen sprechen (Holland, Skandinavien, The Rise of the New Islamophobic Neocons usw), und zeigen, dass der Begriff „Pinkwashing“ auch woanders einsetzbar ist, anstatt bei der Fixierung zu bleiben. But that´s just me.

  5. 5 Tatjana 21. Juli 2012 um 14:59 Uhr

    PS: Ein besonders offensichtliches Beispiel: Ein schwuler Amerikaner erzählt im Internet davon, wie er ganz naiv bei der Flotilla anfragte, ob seine queere Organisation mitmachen könne. Sie wurden abgelehnt. Dann fand er heraus dass die Flotilla ein „Hamas-Projekt“ ist, und er war geschockt. So ähnlich stellte ein gewisser Marc seine Erfahrungen dar. (Angeblich hat die israelische Regierung das Video vielfach verbreitet, dafür habe ich aber keine Quelle).
    Nun, Marc heisst Omer, ist nicht Amerikaner sondern Israeli, hat niemals bei der Flotilla angefragt usw: Das Video ist gelogen und instrumentalisiert Queer Issues (einige Leute auf der Flotilla, was immer man von ihr halten mag, sind homosexuell geoutet) für einen nationalen Konflikt mit konkreten Lügen. Das Video wurde vielfach von der israelischen Regierung verbreitet.
    Hier das Originalvideo http://www.youtube.com/watch?v=vhmBbGFJleU
    Hier die Kritik und Dekonstruktion auf Electronic Intifada. http://electronicintifada.net/tags/omer-gershon
    Denkst Du, irgend ein linker Israeli oder palästinensischer Queer findet das cool? Ist da irgendwas emazipatives dran? I dont think so.

  6. 6 daniel 23. Juli 2012 um 23:55 Uhr

    danke Tatjana für deine Antworten, ich denke Du hast einige wichtige Punkte benannt, die bei dieser Diskussion schief liegen.

    noch einige ergänzungen für clara:
    Die „Branding Israel“-Kampagne (offizieller Name!)ist kein kleiner Fisch sondern eine millionenschwere Angelegenheit in der einige Ministerien eingebunden sind, also beileibe keine reine Tourismuskampagne. Dass wurde nebenbei im Artikel erwähnt, scheinst Du aber überlesen zu haben?
    hier gibt es eine Dokumentation der Aktivitäten und einige Zahlen des designierten Budgets:
    http://www.prettyqueer.com/2011/11/29/a-documentary-guide-to-pinkwashing-sarah-schulman-new-york-times-oped/

    Die Rechtfertigung von Unterdrückung, eines andauernden, brutalen Besatzungsregimes, operiert ganz „traditionell“ mit der Erhöhung der eigenen Überlegenheit und des Beweises bzw. Konstruktion der Inferiorität der „Anderen“, die es aus diesem Grund nicht anders verdienen oder gar befreit werden sollen. Es geht also hier um die Kritik und Sichtbarmachung von zynischer Vereinnahmung von Themen wie LTGB-Rechten oder auch Frauenrechten usw.. Deine Annahme hier werde mit „gut“ und „böse“ operiert verkennt den Kern der Kritik. Es geht nicht um den Vergleich dieser Gesellschaften sondern wie Unterdrückung gerechtfertigt wird. Du würdest auf die Krtik an kolonialer Praxis der europäischen Staaten ja wohl auch nicht antworten: „Aber sie haben doch recht, die „primitiven“ Eingeborenen behandeln ihre Frauen wirklich schlechter als der Kolonialherr seine Frau, wollt ihr etwa die augeklärte europäische Kultur mit der primitiven afrikanischen gleichsetzen“

    Das wäre in einer radikalen Linken bzw. einer radikalen feministischen Kritik nicht denkbar, so weit hinter eine Theorie zurückzufallen. Um so trauriger, dass ich hier auf einem sich selbst als queer oder feministischem bezeichnenden Blog so weit ausholen muss, um diesen eigentlich zu erwartenden Grundkonsenz einzufordern!

    Die Besatzung un kriegerische Politik Israels besteht aus dem Grund der Landnahme und Machterhaltung oder meinetwegen militärischen und politischen Überlegungen, aber nicht um irgendwelche LTBG-Rechte in der Westbank durchzusetzen.

    Oder anders gesagt, Menschenrechte, und als solche begreife ich LTGB-Rechte, können oder sollten nicht seperat voneinander behandelt werden. Wer sich um Menschenrechte einen Dreck schert, dem sollte man skeptisch gegenüberstehen, wenn er sie sich plötzlich auf die Fahnen schreibt.

    Am Ende noch der Hinweis, dass der Pinkwashing Workshop, der auf dem TCSD von Yossi&Liad gehalten wurde, und um den dies Diskussion u.a kreist, an diesem Montag den 30.07 in Berlin im Südblock (am Kotti) erneut stattfindet.

  7. 7 daniel 24. Juli 2012 um 10:29 Uhr

    hallo
    ist meine post von gestern im spam gelandet?

  8. 8 Administrator_in 26. Juli 2012 um 13:32 Uhr

    @daniel: Sorry, dein Beitrag war einige Zeit in der Moderationsschleife. Momentan wird jedes Kommentar moderiert und muss von uns freigeschaltet werden, dann dauert es manchmal ein wenig. Wir sind noch dabei zu erproben, welche Form der Kommentarfunktion uns für diesen Blog am sinnvollsten erscheint. Dazu ist es die erste Diskussion die hier auf dem Blog stattfinden, was uns sehr freut.

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