Entschlossen gegen Männerbünde und Neonazis auf die Straße!

Die jüngsten Ereignisse in Göttingen zeigen ganz klar: Gewalt von rechten Strukturen gehört immer noch zum Stadtbild. In der letzten Wochen kam es zu gewalttätigen Übergriffen von Burschenschaftlern und bekannten Neonazis gegenüber Linken. Es reiht sich ein in eine bundesweite rassitische Gewalt gegenüber Geflüchteten. Berichte zu den jüngsten Ereignissen in Göttingen gibt es auf monsters oder auch im Göttinger Tageblatt (1., 2. und 3.).
Es heißt sich entschlossen und solidarisch gegen diese Form der ‚rechten Konjunktur‘ zu stellen, Männerbünde aufzulösen und Neonazis zu bekämpfen! Im Aufruf zur Demonstration1 „Die rechte Konjunktur lahmlegen. Männerbünde auflösen. Neonazis bekämpfen.“ werden die Ereignisse im Zusammenhang mit der gesamtgesellschaftlichen Struktur gesetzt.
Wir rufen euch auf den rechten Strukturen entschlossen an jedem Ort entgegenzutreten und mit uns auf die Straße zu gehen gegen jede Form rechter Gewalt:

Kommenden Montag, am 10.08. um 19 Uhr sehen wir uns auf der Straße, die Demonstration startet vom Alten Rathaus.

$inen weiteren Aufruf gibt es von der Wohnrauminitiative Göttingen.

Männerbünde auflösen

  1. Die rechte Konjunktur lahmlegen. Männerbünde auflösen. Neonazis bekämpfen.
    Was geschah.
    In Göttingen überschlagen sich die Ereignisse: Erst wurde der Sprecher der Wohnrauminitiative von einem Verbindungsstudenten der Landsmannschaft Verdensia vom Fahrrad geschubst, sodass er sich eine schwere Knieverletzung zuzog. Der „Schubser“ Jan Philip Jaenecke hatte bereits in einem Fachschaftsraum an der Uni linke Plakate abgerissen und Leute, die ihn zur Rede stellen wollten, bedroht. Darüber hinaus war er schon „Sieg Heil“ rufend in den Straßen gesichtet worden. Dann schossen aus dem Haus der Burschenschaft Germania zwei Männer mit Druckluftwaffen auf ein linkes Wohnprojekt. Über 40 Mal zielten sie durch ein offenes Fenster auf die Menschen, die sich im dahinterliegenden Raum aufhielten. In der Nacht zum 11. Juli 2015 griff der Northeimer Neonazi Roland Rusteberg aus einer Gruppe heraus eine Person in der Roten Straße an und verletzte diese erheblich. Immer wieder kehren organisierte Neonazis aus Northeim in Göttingen ein, um Naziparolen grölend Linke und Menschen, die nicht in ihr rassistisches Weltbild passen, anzupöbeln und anzugreifen.
    Die Gewalt der letzten Wochen ist nicht neu und sie überrascht uns auch nicht. In Marburg tötete im Oktober 2014 auf einer Erstsemesterparty ein Burschenschafter einen Studenten im Streit um ein Einstecktuch mit einem Messerstich ins Herz. Ein Blick zurück zeigt, dass auch in Göttingen verbindungsstudentische Gewalt kein Novum ist: 2003 versuchten ein Mitglied des katholischen Studentenvereins Winfridia Göttingen und ein Verbindungsstudent der national-konservativen „Lunaburgia” eine Ausstellung, die im Keller eines linken Hausprojektes im Kreuzbergring aufbewahrt wurde, in Brand zu stecken. Nur durch Glück kam keine der zwölf Personen zu Schaden, die zu dem Zeitpunkt im Haus schliefen.
    Doch wenn man von rechter Gewalt spricht, dann darf nicht vergessen werden, dass die Vorfälle, die sich in den letzten Wochen in Göttingen wieder häufen, woanders Gang und Gäbe sind und zum politischen Alltag gehören. Was zur Zeit passiert ist darum auch keine „neue Gewalt“ und erst recht keine „Eskalation der Gewalt“, sondern ein konjunktureller Aufschwung, in dem Studentenverbindungen und Neonazis als Puzzleteile in einem gesamtgesellschaftlichen Bild zu kritisieren sind. Dies wollen wir mit zwei Annahmen versuchen zu fassen:

    Annahme I.
    Gewalt ist in der Ideologie von Studentenverbindungen strukturell angelegt und damit meinen wir tatsächlich alle Studentenverbindungen.
    a) Denn was sie eint, ist ihr Selbstverständnis, Elite zu sein. Sie verlassen sich (unbewusst) auf die Ausschlüsse, die diese Gesellschaft produziert, auf die Gewalt der Verhältnisse, von der sie profitieren und nehmen sie ganz selbstverständlich in Kauf. Man könnte sagen: Je größer ihr Elitedünkel, desto rechter die Verbindung. Aber akademische Führungskräfte produzieren wollen sie alle, sonst würden sie ja nicht nur Studenten aufnehmen. Die meisten wollen auch die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen formen – unter Rückgriff auf etwas, das sie Traditionen nennen und das zumeist aus dem 19. Jahrhundert stammen soll.
    b) Zudem sind die allermeisten Studentenverbindungen reine Männerbünde. Was das sein soll, muss man ihnen meistens erklären. Die meisten Verbindungsstudenten wenden ein, dass „Mädchen ja ihre eigenen Vereine aufmachen können“1. Gleichzeitig aber ist es das männliche Verbindungswesen, dass – siehe a) – Gesellschaft gestalten soll, wozu Frauen in dieser Sicht nicht gleichermaßen in der Lage seien. Dazu bilden sie einerseits ganz praktisch männliche Seilschaften aus und feilen andererseits an ihren ideologischen Vorstellungen von traditionellen Geschlechterrollen und heterosexueller Bevölkerungspolitik, die sie in der Politik umgesetzt sehen wollen.
    c) Dann gibt es noch schlagende Verbindungen. In Göttingen sind es 24, darunter ist auch die Landsmannschaft Verdensia. Diese üben etwas ein, was der Soziologe Norbert Elias als „Habitus ohne Mitleid“ bezeichnet. Das Fechten richtet sich zunächst gegen den „inneren Schweinehund“: Es geht darum, Schmerz auszuhalten, nicht zurückzuweichen, „seinen Mann zu stehen“. Nur wer das aushält, ist in der Verbinderwelt ein richtiger Mann und in der Lage, Führungspositionen zu übernehmen und die Gesellschaft zu gestalten. Diese Rituale schweißen die Männergemeinschaft eng zusammen und durch die Abwehr von Homosexualität kann man auch sicher sein, dass jede Nähe nur kameradschaftlich ist.
    d) Diese Kameradschaft ist der Grundstein für die Liebe zur Nation, die viele Studentenverbindungen vereint. Nationalistische Lieder, revisionistische Geschichtsbilder und (pseudo-)traditionelle Gepflogenheiten gehören sehr häufig zum Verbindungsleben. Einige Verbindungen gingen und gehen sogar soweit, dass sie nur „Abstammungsdeutsche“ als Mitglieder aufnehmen. Die Verbundenheit mit der Nation ist in allen Verbindungen groß. Deswegen gehen die Burschenschafter der Germania im „Entschuldigungsbrief“ an das Wohnprojekt in der Bühlstraße auch bis zum Krieg gegen Napoleon zurück. Wenn sie sagen, sie hätten nur dieses Mal die Waffen erhoben, dann verschweigen sie jedoch geflissentlich die Jahre 1914-182 und 1933-453 – auch nicht selten im Verbindungsmilieu.
    e) und zu guter Letzt: Es lassen sich nun einmal viele Konservative, Rechtskonservative und (Neo-)Nazis in Studentenverbindungen finden. Entweder sie spenden für die NPD, wie das ehemalige Mitglied der Burschenschaft Hannovera, Michael J. Dieser wurde von seinen ehemaligen Kameraden geschasst, weil ein in der Öffentlichkeit bekannter Neonazi in den eigenen Reihen dann doch zu brisant ist. Oder sie laden fundamentale Abtreibungsgegner und extrem rechte Journalisten ein (Burschenschaft Hannovera), treten für die AfD an oder gründen die dazugehörige Junge Alternative-Hochschulgruppe, wie Lars Steinke von der Burschenschaft Hannovera, oder sind Fans der extrem rechten Identitären Bewegung, wie der bereits erwähnte Jaenecke (s. „Was geschah“).

    So lassen sich Studentenverbindungen heute und auch historisch als rechte Vorfeldorganisationen betrachten.4 Junge Männer schließen sich mit den Potenzphantasien und der Arroganz einer selbsterklärten politischen und ökonomischen Führungselite zusammen, um in der Gemeinschaft „nach Höherem zu streben“. Je nach autoritärer Prägung landen sie wahlweise in der CDU/CSU, der Jungen Union, der Jungen Alternative, der AfD oder auch in der NPD. Und selbst wenn sie keine „krassen Nazis“ sind und in den sogenannten gemäßigten Verbindungen aktiv sind, gibt es auf dem ein oder anderen Haus schon mal einen „Adolf“, der die alten Wehrmachtlieder auspackt und gelegentlich mit dem Hitlergruß durch das Haus stolziert. Es stimmt: Nicht alle Verbindungsstudenten sind Nazis, aber gelacht, geschmunzelt oder geschwiegen, wenn einer einen Judenwitz macht, wird trotzdem.
    Das Milieu aller Studentenverbindungen, in dem erst die von der Deutschen Burschenschaft „irgendwie problematisch“ sind, hat ein Abgrenzungsproblem. Dass mit denen wirklich niemand was zu tun hat, ist überdies ein Märchen: Erst 2011 organisierten sich insgesamt 19 Verbindungen aller Formen und Farben in der Initiative Göttinger Verbindungsstudenten, wie durch antifaschistische Recherche öffentlich wurde, um den Ruf der Korporierten zu retten. So viel zur erwünschten Differenzierung.

    Was dann geschah.
    Inzwischen nahm die Uni-Präsidentin die Liste der Studentenverbindungen von der Homepage, sagtejedoch zugleich, sie seien „von jeher ein Teil des studentischen Lebens in Göttingen“.Das halbe Internet Göttingens wimmelte vor Verschwörungstheorien, die Redaktion des Göttinger Tageblatts sei von Praktikanten der Grünen Jugend unterwandert (Stichwort „Lügenpresse“) und die Fenster der Landsmannschaft Verdensia gingen zu Bruch.

    Annahme II.
    Wir sind nicht überrascht von den jüngsten An- und Übergriffen in Göttingen, spiegeln sie doch wider, was aktuell in der gesamten Bundesrepublik eine Konjunktur erlebt. Dass Verbindungsstudenten und Neonazis in Göttingen in dieser Zeit so auftreten, wie sie auftreten, lässt sich nur erklären, wenn man sich ein allgemeines Bild der Lage macht: Es gibt einen Zusammenhang mit der Stimmung in diesem Land. Mit den zehntausenden TeilnehmerInnen der PEGIDA-Demonstrationen, auf denen auch immer wieder Burschenschafter mit den Fahnen der Urburschenschaft auftauchten, und dem guten Abschneiden der AfD auf Landes- und Bundesebene gab es in den letzten zwei Jahren ein Erweckungserlebnis für die deutsche Rechte in all ihren Nuancen.
    Für alle war etwas dabei: Die Konservativen erfreuten sich, sozialchauvinistische Ressentiments bedienend, am deutschen Krisenregime und beanspruchten mit einem Selbstbewusstsein, bei dem allen geschichtsbewussten Menschen die Alarmglocken läuten müssten, die Führungsrolle Deutschlands in Europa. Die deutsche Ideologie gedeiht, widerwärtig wie sie ist, im kapitalistischen Naturzustand zwischen den Nationalstaaten besonders gut. Und so wetterte man einstimmig gegen die „Pleitegriechen“, die nur noch „faul in der Hängematte“ lägen. Die Rechte prügelte sich in den Dortmunder Stadtrat und bekam Medienecho mit ihren „Ausweisungsbescheiden“ an Jüdinnen und Juden. In Freital erging sich der deutsche Mob in rassistischer Sause, wie es sie seit Rostock-Lichtenhagen nicht gegeben hatte. Überall in der Bundesrepublik sprießen rassistische Bürgerinitiativen aus dem Boden. Nach dem Vorbild der 90er brennen Flüchtlingsunterkünfte in der ganzen Bundesrepublik. PolitikerInnen polterten, wie Seehofer gegen Asylschmarotzer, oder bewiesen wie Merkel die Empathie eines Kühlschranks im Umgang mit Geflüchteten. Und das alles nach der demonstrativ zur Schau gestellten Empörung über die NSU-Morde.
    In Göttingen, auch nur Spiegel Kaltlands, wurde fleißig mitgemischt: Auf den Zietenterassen formierte sich die akademische Elite um einen ungeschickten Informatikprofessor gegen den Bau einer Flüchtlingsunterkunft, in Friedland tauchen vermehrt rassistische Graffitis und Tags auf. Es hat sich auch dort eine Jugendclique gebildet, die sich an überregionalen neonazistischen Aktionen beteiligt. Was haben all diese unterschiedlichen Phänomene gemeinsam? Das Bedürfnis, das sie eint, entspricht dem Weltbild, das sie eint: Die sich in die Ecke gedrängt Fühlenden, treten mit Ressentiments, Faust oder Schlagstock voran aus der Lethargie heraus und zeigen „den Ausländern“, „den Griechen“, „den Juden“ und „den Linken“ als ersten ihr neues Selbstbewusstsein.

    Schlussfolgerung.

    Wir gehen von einer rechten Konjunktur aus, in die die jüngsten Vorfälle einzuordnen sind. Wir sind nicht überrascht von den jüngsten An- und Übergriffen in Göttingen. Weniger wütend sind wir dadurch nicht. Verbindungsstudenten und Neonazis profitieren vom gesellschaftlichen Klima, von der rechten Konjunktur.
    Das Wohnprojekt in der Bühlstraße antwortete auf den „Entschuldigungsbrief“ der Burschenschaft Germania (s. „Annahme I. d)) ebenso lapidar wie richtig: „Wir freuen uns auf den Tag, an dem Sie Ihren elitären Männerbund auflösen“. Das wird vermutlich erst dann möglich sein, wenn wir dem Kapitalismus mitsamt seinem patriarchalen Prinzip an den Kragen gehen. Aber dennoch können wir uns dem Brief des Wohnprojekts nur anschließen und ergänzen: „Wir würden uns freuen, zur Beschleunigung dieses Prozesses beitragen zu können“.

    In diesem Sinne: Die rechte Konjunktur lahmlegen. Männerbünde auflösen. Neonazis bekämpfen. Für eine feministische Gesellschaftskritik.

    1) O-Ton.
    2„ Nach dem Ende des [I. Welt-]Krieges, der über 40 Bundesbrüdern das Leben kostete, war die Germania stark geschrumpft.“ (http://www.germania-goettingen.de/unsere_geschichte/Geschichte.html)
    3) “Auch der II. Weltkrieg fordert wiederum über 40 Gefallene aus den Reihen der Germanen.“ (http://www.germania-goettingen.de/unsere_geschichte/Geschichte.html)
    4) Der Mythos, Studentenverbindungen seien während des Nationalsozialismus verboten gewesen, gehört auch an diese Stelle: Tatsächlich lösten sich die meisten selbst auf, um geschlossen im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenverband aufzugehen. Viele Häuser von Verbindungen wurden nach 1933 als Kameradschaftshäuser verwendet. [zurück]