Archiv für März 2014

Immer wieder schön: Diskussionen zu Militanz und Feminismus

In der GöDru Nr. 720 zum 1. März 2013 gab es einen Beitrag zu Militanz und Feminismus, an den wir mit unseren Überlegungen anknüpfen wollen.11 Anlass für den Artikel bot eine Situation auf der 8. März-Demo 2012, bei der Demoteilnehmer*innen den schwarzen Block als mackrig kritisiert haben. Anhand dieser Situation wird von den Autor*innen des Artikels darauf geschlossen, dass Militanz seitens Göttinger Feminist*innen generell abgelehnt werde. Dies wird mit einem „queeren Habitus“ der feministischen Szene in Göttingen in Verbindung gebracht. Im weiteren Verlauf wird darauf hingearbeitet, Militanz als emanzipatorischen Akt für Frauen* zu vermitteln, wobei auf die Gefahr hingewiesen wird, Militanz auf einen Habitus oder bestimmte Style-Codes zu reduzieren. Ebenso wird der Zusammenhang von Militanz und Männlichkeit diskutiert. Letztlich kommen die Autor*innen des Artikels zu dem Schluss, dass eine Aneignung von Militanz durch Frauen* als Befreiungsakt und Kampfansage an sexualisierte Gewalt politisch notwendig sei.
Wir wollen im Folgenden einige Aspekte herausgreifen und aus unserer queerfeministischen Perspektive kommentieren. Teilweise zitieren wir dabei Stellen aus dem Text der A.L.I., um nachvollziehbar zu machen, worauf wir unsere Überlegungen stützen. Diese werden wir mit dem Anlass des Artikels und dessen Wahrnehmung und den daraus resultierenden Schlussfolgerungen über eine Göttinger feministische Szene beginnen. Es folgen Überlegungen zum Militanzbegriff sowie Fragen nach Zusammenhang und Bedeutung von politischer Haltung und einem bestimmten (militanten) Auftreten. Wir verfolgen außerdem die Diskussion, inwieweit Militanz als emanzipatorischer Akt für Frauen* gewertet werden kann und wie eine (queer)feministische Aneignung aussehen könnte oder eben nicht. Am Ende wollen wir einen kurzen Ausblick geben, was wir für eine Diskussion über Militanz und Feminismus hilfreich und notwendig finden.

queer- vs. differenzfeminismus & macker-militanz
Anhand der genannten Situation auf der 8. März-Demo 2012 wird von den Autor*innen eine Verallgemeinerung und Bewertung ‚der‘ feministischen Szene in Göttingen vorgenommen. Ihr wird sowohl eine Fokussierung auf einen „queeren Habitus“ in der Praxis als auch eine differenzfeministische Haltung unterstellt, die Militanz mit Mackertum/Männlichkeit gleichsetze. Differenzfeministisch werde Militanz daher pauschal abgelehnt, wobei denjenigen Frauen* eine feministische Position abgesprochen werde, die militant auftreten.1
Uns irritiert, wie aus einer Situation, an der nur eine handvoll Leute beteiligt waren, eine feministische Szene gebaut wird, der zugleich eine bestimmte Haltung unterstellt wird. Und uns stellt sich die Frage, wozu eine solche Argumentation dient. Darauf kommen wir später nochmal zurück.
Dieser Szene zugleich einen queeren Habitus zu attestieren und eine differenzfeministische Haltung zuzuschreiben, macht ohne weitere Differenzierung keinen Sinn. Die beiden Aspekte queer (z.B. Kritik an Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexismus) und Differenzfeminismus (z.B. Kampf für Frauenräume) lassen sich in der queerfeministischen politischen Praxis miteinander verbinden (z.B. Kampf für FrauenLesbenTransInter*-Räume). Gleichzeitig können die theoretischen Grundlagen und die Praxis im Widerspruch stehen.
Unklar ist uns, was die Autor*innen unter dem „queeren Habitus“ eigentlich verstehen; noch unklarer ist uns, inwiefern dieser für eine generelle Ablehnung von Militanz (mit)verantwortlich sein soll. Das finden wir umso problematischer, weil queer für uns ein politischer Begriff ist und wir selbst davon genervt sind, dass er häufig kontextlos in den Raum geschmissen wird, irgendwie auf einen (unpolitschen) Lebensstil reduziert oder abgewertet wird.
Worauf wir aber eingehen können, ist die Unterstellung des Differenzfeminismus, der laut A.L.I. die Grundlage von Kritik an Mackertum in der Linken darstellt. Mit einer solchen Kritik werden aber aus unserer Perspektive nicht ‚biologische‘ Männer oder vermeintlich wesenhafte, unveränderliche männliche Eigenschaften abgelehnt (also klassisch differenzfeministisch). Die Kritik richtet sich gegen patriarchale Dynamiken, Strategien, Verhaltensweisen, die uns in linken Räumen zu schaffen machen.
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