Auseinandersetzung um Critical Whiteness nach dem No-Border-Camp 2012

Im Verlauf des No-Border-Camp 2012 in Köln ist es zu einer heftigen Auseinadersetzung um Rassismus in der Linken, der praktischen Umsetzung von Critical Whiteness und der Möglichkeit von Bündnissen zwischen People of color und Weiß-Deutschen gekommen. „Critical Whiteness“ ist ein Ansatz der Rassismuskritik, der Strategien in den Blick nimmt mit der tagtäglich weiße Vorherrschaft aufrechterhalten und abgesichert wird, was unter anderem dazu führt, dass Weiß-Deutsche in dieser Gesellschaft einen Haufen Vorteile gegenüber People of color haben. Die Debatte ist heftig und offensichtlich auch für viele schmerzhaft verlaufen. Im Folgenden ein Überblick über bisherige Texte, welche die Debatte auf dem Camp aufgreifen und nachbereiten.

Schon in der Vorbereitung des Camps ist es zu Auseinandersetzung gekommen. Daher kam es zu einem alternativen Aufruf, der unter anderem die für das Camp vereinbarte starke Vetopolitik – ein Stopzeichen sollte es ermöglichen grenzverletzende (z.B. rassistische oder sexistische) Redebeiträge sofort und ohne weitere Diskussion abzubrechen – in Frage gestellt wurde. Die Verfasser_innen befürchteten: „An die Stelle des solidarischen Umgangs wird eine Vetopolitik gestellt, die ein angstvolles, repressives Klima erzeugt“.

Ein englischer Text aus dem Umfeld von „Contra-Info“ , einem linken Übersetzungs- und Gegeninformations-Netzwerk, sieht das Camp von einer ‘invisible hierarchy’ durchzogen, die dazu geführt habe, dass die Politik des Campes sich am gesellschaftlichem Mainstream orientiert habe und Bedürfnisse von People of Color, wie die Abschaffung einer Bar, die Alkohol ausschenkt, ignoriert wurden.

Etwas genauer fasst die jungle world die Auseinandersetzungen auf dem Camp zusammen. Dort kritisiert Emma von der Gruppe „reclaim society“ (RS) die weiße antirassistische Szene scharf:

Die Antira-Szene besteht aus Leuten, die nicht hören wollen, dass sie als Weiße von Rassismus profitieren.

Wenn Weiße verlässliche Verbündete von People of Color sein wollten, sollten sie erstmal nur zuhören. Auf dem Camp verteilte RS Flyer mit dem Titel „Cut it off“ an Weiße mit Dreadlocks. Sie sehen Dreadlocks bei Weißen als eine Form des „kulturellen Kannibalismus“, in dem sich Weiße Widerstandssymbole Schwarzer aneignen. Zudem üben sie Sprachkritik, etwa indem sie darauf hinweisen, dass der Begriff „Flüchtling“ Menschen verniedliche und daher der Begriff „Geflüchtete“ geeigneter sei, da er das aktive Handeln als Person hervorhebe. In dem Text werden jedoch auch zahlreiche Stimmen zitiert, welche die Positionen von RS und ihrem Umfeld in Frage stellen. So kritisieren andere Flüchtlingsaktivist_innen einen autoritären Stil, die Monopolisierung des Camps und einen starken Moralismus, der die Auseinandersetzung geprägt habe.

Diesen kritischen Stimmen schließt sich auch Vassilis Tsianos – ein Mitbegründer der Gruppe Kanak Attak – in einem Interview an. Er betont zwar die Notwendigkeit der „Skandalisierung der eigenen Suppe“und versteht den Ärger über „Kartoffeln“ (eine Bezeichnung für Weiß-Deutsche aus der migrantischen Szene), wirft den Positionen von RS jedoch „eine maßlose Überschätzung des Diskursiven“ vor. Es handele sich um einen Versuch „ein Konzept, das in ihren segregierten Uni-Seminaren funktioniert hat, der Bewegung zu oktroyieren“.

Ähnlicher Meinung ist auch die Gruppe NoLager Bremen und behauptet in ihrem Nachbereitungstext:

„Auf dem Camp kam es aber zur identitätspolitischen und autoritären Aufladung des Konzepts, so dass critical whiteness nicht mehr zum produktiven Stichwortgeber wurde, sondern zu einer anti-emanzipatorischen Dominanzstrategie“.

Solche Vorwürfen sieht ein weiterer Nachbereitungstext als Form der Entsolidarisierung mit negativ von Rassismus Betroffenen:

Während es in der aktuellen Debatte kaum Solidarisierung mit denjenigen gegeben hat, die Kritik an den strukturellen rassistischen Verhältnissen innerhalb der Bewegung äußern, gibt es die starke Tendenz sich mit den Kritisierten zu solidarisieren und Empathie für deren Unwohlsein aufzubringen. Indem von einer Atmosphäre der Angst, der Verunsicherung oder der Einschüchterung die Rede ist, wird Kritik an /weißer/ Dominanz einseitig dramatisiert und skandalisiert.

Sie schlagen vor andere Fragen in den Mittelpunkt der Diskussion zu stellen.

Wie können Bündnisse aussehen, in denen nicht /weiße/ Unsicherheiten und Abwehr im Vordergrund stehen, sondern die Belange der Betroffenen von Rassismus?

So weit ein erster Stand aus der Nachbereitung des NoBorderCamps 2012.